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Thorsten und Erkan Ular über die Zustände in der Welt und Hier

Heimat. Was bedeutet das? Ein Dorf, ein Blick oder eine Weinbar – wie das Café Idéal. Die ist für viele ein Stück Heimat geworden, besonders für Erkan Ular. Für den letzten Aufrechten im Kampf gegen Politikverdrossenheit, einsamer Verfechter der Meinungsfreiheit und Geschmacksvielfalt; Weinliebhaber, Gourmet und Großmeister der Pinchos.

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„DAS WERD´ ICH DOCH
WOHL NOCH SAGEN DÜRFEN“

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INTERVIEW

Erkan, wir sollten zunächst über unangenehme Dinge reden – komm´ mal näher ans Mikro, muss ja nicht halb Münster hören, was du über …

Erdogan?

Nein, ich meinte eigentlich …

Ach, du meinst den Verschwörungstheoretiker-Post, den ich letztens erstellt habe.

Den auch nicht. Wirkliche Fakten, ich …

Hast du bei mir im Keller gegraben?

Hast du was zu verbergen?

Jeder hat was zu verbergen. Mein erster Chef hat gesagt, wenn du Gastronom bist, stehst du mit einem Bein im Knast. Egal, was du machst.

Und du bist Türke. 

Bin auch noch Türke, ja.

Fühlst du dich benachteiligt, dadurch –
bei uns?

Überhaupt nicht.

Kein Hass, keine Wut, keine …

Ist nicht lange her, da war ich in Osnabrück

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„DAS WERD´ ICH DOCH WOHL NOCH SAGEN DÜRFEN“

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mit Pitti und Severin, wir saßen in der Markthalle in einem Raucherraum. Da war diese Schweigeminute für Paris. Der Nachbartisch voller älterer Damen guckt entsetzt rüber, zeigt mit dem Finger auf mich und eine sagt, wegen Leuten wie ihnen sitzen wir hier und schweigen.

Die meinten sicher dich, nicht Pitti? 

Die meinten sicher mich. Wegen meines Killerblicks.

Eher ein scheeler Blick.

Der kommt von scheelen Trauben.

Das ist eine gute Überleitung zum nächsten Thema, Politik. Walter Scheel ist tot, kam gerade auf Spiegel-Online als Eilmeldung.

Habe ich gesehen, musste auch schmunzeln. Ja, die Presse … du bist die Einzige, mit der ich noch rede. Auf jeden Fall, Scheel war ein guter Mann, hat einen tollen Satz gesagt, der ging sinngemäß so: Der Politiker, der dir irgendwas Populäres verkaufen will, ist uncool. Cool sind die, die einfach was anpacken und das als populär verkaufen können.

Also wie Erdogan.

Wie Erdogan und Putin. Eigentlich genau so – nicht so wie die Obamas, Trumps und Killarys oder wie ´se alle heißen.

Trump? Der passt doch gut zu Putin. Und Erdogan.

Finde ich nicht. Im Übrigen: Trump und Killary sind sich gar nicht mal so unähnlich.

Ich dachte zunächst, ich hätte mich verhört, aber nun … hast du gerade wirklich
„Killary“ gesagt?

Ja, ich nenne sie Killary.

Von wegen kitzelig sein?

Nein. Von wegen, wenn die irgendwann, was leider den Anschein macht, da unsere westlichen Medien diesen Trump hassen, an der Macht ist, wird sie unser aller Untergang sein in Europa.

Dir würde Trump gefallen?

Ich finde beide gleich schlecht. Aber für mich persönlich, das ist meine Meinung, wäre ein Trump besser als eine Killary.

Weil du in Deutschland wohnst und das
bekanntermaßen noch zu Europa gehört.

Wieso?

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» Mark Brouwer hat nicht mehr seine Alligatorschuhe. «

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Weil sie dich in den USA vielleicht aus Versehen über die Mauer nach Mexiko schmeißen würden.

Weil ich ja auch so ´n Sombrero-Typ bin.

Ach, ich weiß nicht. Wenn ich mir dich in einer Burgerbude an der mexikanischen Grenze vorstelle – so abwegig wäre das nicht, dass sie dich zu den Falschen zählen und rüberwerfen würden; falls Trump gewählt würde, selbstverständlich. 

Weil der die Mauer hochziehen will und Killary nicht? Soll der von mir aus gerne machen, habe ich überhaupt kein Problem mit. Ich denke, dass der insgesamt genauso viel Scheiße bauen würde wie sie, nur die wird uns mit reinziehen. Trump will mit uns Deutschen und den ganzen Türken nichts am Hut haben.

Aber mit Putin, mit dem würde er gerne
was machen.

Finde ich nicht so schlecht, warum nicht? Putin ist ein gar nicht so verkehrter Mensch. Der wird hier von den Medien verteufelt als das Böse. Aber jetzt ist Erdogan auch böse.

Ist es gefährlich, zurzeit Urlaub zu in der Türkei?

Das ist völlig ungefährlich.

Oh, das ist super, denn …

Genauso wie Paris. Oder Madrid. Ich halte das nicht für gefährlich. Die Leute haben Angst. Das ist so gewollt, die Medien streuen das die ganze Zeit. Ich aber habe Verwandte dort und denen geht´s super.

Zumindest denen – ganz anders geht’s den rund hundert Verhafteten, die es nach dem Putschversuch gab.

Hundert? Das sind mittlerweile über
Sechzigtausend!

Wow, also irgendwo zwischen Einhundert und Siebzigtausend hat sich das eingependelt – jetzt is´ Ruhe. Also kann man jetzt wieder hinfahren.

Genau, wie gesagt. Ich fahre aber nicht hin.

Warum nicht?

Das hat private Gründe. Meine Familie möchte nicht in ein Land fahren, in dem schon Terror war.

Dabei wäre es mit dir ja sogar weniger gefährlich, du kennst dich schließlich aus, bist quasi Einheimischer. 

In Istanbul kenne ich mich aus. Und in dem Dorf, in dem mein Vater gewohnt hat. Sonst nirgends. Sogar wenn ich rede, merken die, ich bin Deutscher, beziehungsweise Deutschtürke.

An deinem Akzent, also hast du überhaupt einen, oder sprichst du perfekt Türkisch?

Wenn ich Ostfriesisch spreche, hören die meinen hochdeutschen Akzent, wenn ich
Türkisch spreche, meinen ostfriesischen.

Ein Türke erkennt deinen ostfriesischen Akzent?

Ja.

Ich glaube, der erkennt nur, dass es Deutsch ist. 

Seit 36 Jahren weiß der Türke, wie man Ostfriesisch spricht.

Sag mal bitte ein türkisches Wort ohne Akzent und eins mit ostfriesischem.

„Mehhabba.“

War das mit Akzent oder ohne?

Das war Deutschtürkisch.

Und akzentfrei?

„Mährhábà.“

Und das bedeutet so viel wie?

Hallo, ich grüße dich.

Klingt aggressiver, finde ich. 

Dazu fällt mir eine Geschichte ein. Ich habe früher im Marktcafé gearbeitet. Da saß ein Paar an der Theke, der Typ bestellt ´ne Flasche Champagner. Da ich nicht oft ganze Flaschen verkaufte, frage ich nach. Da guckt der mich an und sagt, Flasche natürlich! Ich habe eine aufgemacht und für jeden ein Gläschen hingestellt. Als ich nachschenken will, sagt der, er will nur die zwei Gläser. Aber Sie haben eine ganze Flasche bestellt, sag ich. Das ging hin und her, bis er sagte: Mit dir rede ich nicht und übrigens, so was wie dich haben wir früher Ölauge genannt.

Da bist du durchgedreht?

Ich habe ihm Hausverbot erteilt, ich war zwar nur Kellner, doch an dem Abend Schichtleiter.

Ein Kellner darf Gäste nicht nur rauswerfen, sondern Hausverbot erteilen?

Mein damaliger Arbeitgeber war Mark Brouwer.

Oh, den habe ich letztens getroffen, bei Münster-Mittendrin. Ist unglaublich, wie der aussieht! Der scheint überhaupt nicht zu altern …

Dieser Mann sieht genauso aus wie vor zwölf Jahren, als ich nach Münster gekommen bin.

Schon vor zwanzig sah der genauso aus. 

Sein Style ist anders geworden, er hat nicht mehr seine Alligatorschuhe. Aber er hat mich damals total unterstützt.

Konntest du da so gut Deutsch wie heute?

Ich bin mit Deutsch aufgewachsen. Ich habe zunächst Deutsch, dann erst Türkisch gelernt.

Deswegen der ostfriesische Akzent. Wie läuft´s eigentlich so mit Trixie Bannert?

Gut, aber sie ist nicht mehr nur unsere einzige Weinlieferantin.

Seid ihr nicht mehr so dicke?

Doch, wir sind sogar befreundet. Aber durch meine Selbstständigkeit ist meine Horizont einfach viel weiter geworden.

Du wohnst aber schon noch in der Innenstadt, oder?

Nicht ganz, wir wohnen etwas raus. Wirhaben sogar Rehe im Garten! Kleine
Katzenbabys …

Wenn ich jetzt an Rehe denke – ihr habt hier eine ganz wunderbare Küche … Bist du eigentlich ein Moslem?

Nee, Atheist. Ich glaube nur an das Gute im Menschen. Religion ist für Leute, die es brauchen, in vielen Ländern, die nicht viel haben, ist das so. Aber ich? Ich glaube nicht daran.

Sind deine Eltern gläubig?

Meine Eltern? Nein.

Trägt deine Mutter ein Kopftuch?

Nein. Meine Eltern sind sehr weltoffen. Sie leben jetzt wieder in der Türkei, sind dorthin zurückgezogen.

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» Für mich persönlich wäre ein Trump besser als eine Killary. «

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Sie waren also nur hier, um dich zur Welt zu bringen – in Ostfriesland?

Knapp fünfzig Jahre waren sie hier, haben mich zur Welt gebracht, geguckt, ob ich ein guter Mensch werde, und dann gesagt, super, wir haben Deutschland was Gutes getan, wir ziehen wieder zurück. Aber mal im Ernst, meine Eltern waren eine der ersten türkischen Familien in Ostfriesland, das war damals ein richtig schräges Zusammentreffen der Kulturen.

Sind deine Eltern Gastarbeiter gewesen?

Ja. Mein Vater hat am Fließband gearbeitet. In den Achtzigern haben sie versucht, eine Greencard zu kriegen – damals ging das noch richtig flott, nicht so wie heute, wo du an der Grenze einfach mal erschossen wirst.

Was sagst du zur ganzen Diskussion um die Flüchtenden?

Ich glaube, dass wir uns mal nicht so anstellen sollten. Wenn eine Stadt wie Münster mit dreihunderttausend Einwohnern dreitausend Flüchtlinge aufnehmen soll, ist das zu machen.

Bist du für ein Burkaverbot?

Nein. Ich habe mich zwar als Kind immer gefragt, warum die Leute in diesen Kutten rumrennen. Aber das habe ich mich auch bei den deutschen Nonnen und Priestern gefragt. Meine Eltern haben mir aber alles gut erklärt.

Erklärt … Erkan, das passt gut, erzähl mal, was sind diese berühmten Pinchos?

Na endlich, Thorsten! Deswegen sind wir ja heute hier. Pinchos … (Erkan scheint in seinen Gedanken zu versinken)

Erkan?

(Erschrocken) Ja?! Putin? Killllary!

Wir sprachen gerade über Pinchos!

Unsere Pinchos, ach ja, das sind die leckeren Holzstäbchen mit gut belegten kleinen Stullen, sag ich immer …

Also ´ne Art Zahnstocher mit Brot?

Und da drüber dann noch eine Komponente.

Das gab´s in den Siebzigern schon, da war das ein Stück Würfelkäse mit Weintraube obendrauf. 

Genau, das war im Grunde auch eine Art Pincho. Ich glaube zwar nicht, dass der Spanier eine Weintraube mit einem Stück Gouda nimmt – ach, es gibt so viele Arten. Wir nehmen immer unser Hausbaguette, da packen wir ein bisschen Olivenöl drauf und es kommt in den Ofen, bis es kross rauskommt. Meine Frau Jule macht wunderbare Dips dazu, Dressings und Aufstriche. Das Ganze verfeinern wir mit Sachen vom Markt, ´nem Schinken, ´ner Jakobsmuschel, ab und an Austern.

Klingt köstlich. Was bedeutet das
Wort „Pincho“?

Das heißt Holzspieß, der Stab. Schimpft sich auf Spanisch eben Pincho. Ich bin sehr stolz auf diese Dinger, obwohl die nur lecker, nicht lukrativ sind. Sogar, obwohl ich gesehen habe, dass es einen Nachahmer vom Idéal gibt!

In deiner Nachbarschaft?

In der Nachbarschaft. Zweihundert Meter Luftlinie.

Was kostet denn ein Pincho?

Zwei Euro, du wirst später nach Spießen abgerechnet.

Zurück zum Nachahmer deines Ladens.

Das ist krass: der hat die gleiche Schrift
wie wir, die gleichen Stühle und sogar Pinchos und Tapas!

Ist das ein neuer Laden?

Der ist uralt – das ist gleich hier vorne, in der Prinzessinnen-Passage! Aber das Angebot ist neu, und die Schrift und …

Wo liegt denn die Prinzessinen-Passage?

Das ist doch die am Hötteweg.

Da war ich ewig nicht mehr … Das ist doch für euch sicher kein Problem, ihr seid doch alte Hasen …

Wir sind im verflixten siebten Jahr!

Übrigens, weißt du, dass es auf der Müllkippe einen Schäfer gibt?

Wozu gibt es da einen Schäfer?

Weil es auf den grünen Hügeln des Mülls genügend Schafe gibt, um sie zu hüten.

Is´ klar, aber warum sind die da?

Damit die das Gras essen können, das sonst die ganzen Solarpanels überwuchern würde.

Und dann hätten wir keinen Strom mehr, oder was?

Nein, das nicht, wir sind ja nicht zu hundert Prozent von Solarstrom abhängig. Aber sag mal, wir hatten jetzt Pinchos, wir hatten Ausländerfeindlichkeit. Wir haben also alles, was wichtig ist, angesprochen …

Nicht ganz.

Nicht ganz. 

Wir haben bald wieder unserenWeihnachtsmarkt. Also eigener Glühwein, eigener …

Über Beziehungen? Seid ihr da über Vitamin B rangekommen, ich meine, die Plätze sind heißbegehrt? 

Über gute Arbeit. Qualität statt Quantität. Wir freuen uns auf den Winter.

Ist das ein richtiger Geldbringer?

Umsatzbringer – das ist ein großer Unterschied!

Nun setz dich mal auf den Tisch da hinten, ich muss dich noch zeichnen.

Die obligatorische Zeichnung.

Was du alles für Wörter kennst! Wie läuft die Partnerschaft mit Severin?

Eh, gut.

Guter Mann.

Der macht seinen Teil, ich meinen.

Er sieht unheimlich gut aus, ist er der optische Erfolgsgarant für den Laden?

(Lacht) Der Erfolg dieses Ladens liegt zwar daran, dass der hochauthentisch ist, aber Severin? Nein – das ist dann doch eher die Belegschaft.

◊◊◊

INFO: ERKAN ULAR

… viel ist über ihn geschrieben worden und fast alles gesagt. Apropos gesagt: Ehe wir hier auf Erkans Geburtsdatum eingehen, ein Hinweis in eigener Sache: Alles, was Erkan gesagt hat, ist mit Vorsicht zu genießen; der Mann ist bekannt für seinen ostfriesischen Doppeldünenhumor. Doch zu seinem Geburtsdatum: Das war in den wilden Siebzigern.

Erkan Ular:

ideal-muenster.de

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